A.V. Jablokov, V.B. Nesterenko, A.V. Nesterenko und N.E. Preobrazhenskaja:

‘Tschernobyl und die Folgen für Mensch und Natur’

Rezension: K.M.Sytnik, Mitgl. d. Akademie der Wissenschaften der Ukraine. Mit dieser Rezension verfolgt der Verfasser vor allem ein Ziel, nämlich die Aufmerksamkeit aller Leser auf dieses bemerkenswerte Werk zu richten, ein Werk, das den derzeit umfassendsten Überblick über die biologischen und medizinischen Forschungen zur Verseuchung mit Radioaktivität und Blei in Europa, Asien, Nordamerika, der Arktis und der südlichen Halbkugel bietet. Ausführlich behandelt werden die Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl für die Gesundheit der Bevölkerung und für die Natur sowie die Möglichkeiten des Strahlenschutzes für die Menschen in den verseuchten Gebieten.

Auf 370 Seiten ist es den Autoren gelungen, das umfangreiche Material zu diesem Thema gründlich, tiefgreifend und umfassend, korrekt und wahrheitsgetreu zu erhellen. Der Leser findet eine inhaltsreiche Antwort auf Fragen wie beispielsweise:

• In welcher Größenordnung und in welchem Zeitraum sind neue Fälle von Schilddrüsen-
oder Blutkrebs in Weißrussland, in der Ukraine oder in Russland zu erwarten?
• Inwieweit sind in diesen Ländern Luft, Wasser, Boden, Pflanzen und Tierwelt ver seucht?
• Welchen Veränderungen werden in nä herer und in fernerer Zukunft die durch die  Katastrophe von Tschernobyl hervor gerufenen ökonomischen, genetischen und demographischen Verhältnisse in Gesellschaft und Natur unterworfen sein?

• Wie hoch ist die Zahl der Tschernobylopfer tatsächlich?

Ein besonderes Verdienst des Werkes ist die Vollständigkeit der Ausführungen, der Mut der Autoren und die Grundposition, von der aus sie die extrem negativen Auswirkungen von Tschernobyl bewerten. Dennoch hat es einen großen Mangel. Den Autoren unterlief derselbe Fehler, der in zahlreichen anderen Publikationen zur Tschernobyl-Problematik gemacht wurde, ein für die Zukunft der Menschheit gefährlicher Fehler.

In den Monaten Mai bis September hielt ich mich mehrmals in Tschernobyl auf, beteiligte mich praktisch und operativ an der Beseitigung der Folgen dieser mörderischen Katastrophe, nahm teil an Beratungen von Regierungs- und anderen Kommissionen. Ich leitete die Kommission, die den Grad der Verseuchung von Flusswasser und oberen Bodenschichten untersuchte. Im Obersten Sowjet als dessen Delegierter, im Radio, im Fernsehen und im Schriftstellerverband sprach ich zur Tschernobyl-Thematik. So blieben mir Fehler, Fehlschläge, Unterlassungen und Verbrechen in Tschernobyl und in Kiew nicht verborgen.

Leider haben die Autoren des zu rezensierenden Buches die wichtigste Frage nicht berührt: Wäre es möglich gewesen, die negativen Folgen der Katastrophe wenigstens teilweise zu vermeiden, wäre es möglich gewesen, die Zahl der Tschernobyl-Opfer oder andere Verluste im ersten Monat nach der Katastrophe wesentlich geringer zu halten? Ich bin überzeugt, dass das möglich und notwendig gewesen wäre. Nicht zu verhindern war sicher der Tod einiger Hundert, möglicherweise auch einiger Tausend Menschen. Alle weiteren Opfer wären vermeidbar gewesen, hätte man diese Menschen von dem verseuchten Territorium fern gehalten. Auch die für die Beseitigung der Havarie-Folgen Verantwortlichen

hätten in Kiew bleiben und von dort aus jeden Schritt, jeden Vorschlag der Wissenschaftler und Praktiker gründlich durchdenken müssen. Um Menschen zu schonen, hätte nur eine sehr begrenzte Anzahl Hilfskräfte in die verstrahlte Zone geschickt werden dürfen. Keinesfalls durfte zugelassen werden, dass junge Wehrpflichtige und neu immatrikulierte Medizin-Studenten – alles junge Menschen im gebärfähigen Alter – in das Sperrgebiet gebracht wurden.

Wenn wir nicht die bei der Beseitigung der Katastrophen-Folgen zugelassenen Fehleinschätzungen und Unterlassungen, die damals begangenen Fehler und Unzulänglichkeiten analysieren, dann werden die in naher Zukunft nicht zu verhindernden Atomunfälle und technologischen Havarien zu noch weit größeren Opfern und Verlusten führen, als sie die Tschernobyl-Katastrophe verursacht hat. In jedem Land, in dem es Kernreaktoren und Kernkraftwerke gibt, müssen deshalb Fehler und Versäumnisse der Liquidatoren von Tschernobyl gründlich ausgewertet werden damit jederzeit überlegt und wissenschaftlich fundiert gehandelt werden kann. An dem zwar entschlossenen und mutigen, aber unvernünftigen Handeln der Akteure in Tschernobyl darf sich niemand orientieren. Statt „künstlichem“ Heldentum und „patriotischem“ Durchbruch müssen Regeln das Handeln bestimmen, an deren Ausarbeitung vor allem die zu beteiligen sind, die das furchtbare Tschernobyl überlebt und dabei reiche Erfahrungen gesammelt haben, Erfahrungen im Kampf gegen eine Katastrophe, die von Menschen aus Unwissenheit und von Mächtigen aus Verantwortungslosigkeit verursacht wurde.